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Ein Massenbekenntnis


BAsler Zeitung, 18. August 2000

Ein Massenbekenntnis in der Hitze 
des Circus Maximus

Von Roman Arens, Rom

Rund 700'000 junge Menschen zwischen 13 und 30 sind zum Weltjugendtag nach Rom gereist. Auf dem Circus Maximus findet täglich eine Massenbeichte statt: Zehntausende stehen in der prallen Sonne an, um bei einem der 2000 Priester die Sünden bekennen zu können. Noch mehr Menschen werden am Wochenende zur Schlussveranstaltung erwartet.

«Lieber Johannes Paul II.», schreibt Patrick, «gestern habe ich Dich/Euch auf der Brücke mit Blick zur Engelsburg gesehen.» Am Ende seines kurzen Briefes ringt sich der Junge aus Freiburg zur Vertraulichkeit durch: «Viele Grüsse. Bis bald».

Ohne Probleme der Anrede schreibt Martin aus Weimar: «Auch wenn ich nicht in allen Dingen Ihrer Meinung bin, hoffe ich, dass Sie aller Welt als Verkündiger einer konsequent an moralischen Grundsätzen ausgerichteten Lebensweise noch lange erhalten bleiben.» Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend hat beim Weltjugendtreffen in Rom tausend solcher Briefe gesammelt und dem Papst übergeben.

Nach Schätzungen sind bislang über siebenhunderttausend junge Leute aus allen Winkeln der Welt in der Ewigen Stadt angekommen. Nach den Beschwerlichkeiten der Reise erleben sie hier die extremen Strapazen der innerstädtischen Pilgerschaft. Zu Fuss langen sie oft erst in tiefer Nacht in ihren Quartieren an, weil die knappen öffentlichen Verkehrsmittel überfordert sind oder ihren Betrieb schon eingestellt haben. Metro und Busse in Rom scheinen eher zu kollabieren als die fromme Jugend der Welt.

Harte Pilgerschaft

In leergeräumten Schulen und Hör- oder Pfarrsälen haben viele ihre Schlafsäcke auf dem nackten Steinboden ausgerollt. Vor Übermüdung, Aufregung und Mitteilungsbedürfnis kommen viele erst am Morgen zur Ruhe. Dann aber fängt die harte Pilgerschaft zurück ins Zentrum der Stadt schon wieder an. In manchen Quartieren fällt hinter dem Letzten schon um 9 Uhr sicherheitshalber für den ganzen Tag die Tür ins Schloss. Da bleibt nur die Hoffnung auf eine Ruhepause im Schatten einer Pinie, Palme oder Kirche.

Die «Heilige Pforte» im Petersdom ist ein grosses Tor. Aber manch einem der vielleicht hunderttausend Jugendlichen, die am Donnerstagmittag gleichzeitig durch diese Pforte auf dem Weg zum Sündenablass strebten und Stunden um Stunden unter der brutalen Sonne auf den Einlass in die katholische Zentrale warteten, mag die «Porta Santa» enger als das Bibel-sprichwörtliche Nadelöhr erschienen sein. Mit Gebeten, dem Schwenken von Fahnen, mit eintönigem Engelsgesang auf den Lippen oder wenigstens in den Ohren aus allgegenwärtigen Lautsprechern sollte die Qual des Wartens verkürzt werden.

Am Circus Maximus, der langen antiken Rennbahn für erbitterte Wettbewerbe, wird jetzt das «Fest der Vergebung» gefeiert. In weissen Zelten wechseln sich zweitausend weissgekleidete Priester ab, um Beichte zu hören und die Absolution zu erteilen. Vor diesem Massenbekenntnis steht das stark säkularisierte Italien ziemlich fassungslos da. Was denn Jugendliche heute noch als Sünde empfinden, haben die wichtigsten Zeitungen des Landes zu eruieren versucht. Danach stehen Egoismus und Intoleranz ganz oben im Sündenkatalog; Sex ausserhalb und vor der Ehe ist weniger schlimm und erlaubt, wenn Liebe im Spiel ist. Was die Zeitungen durchspielen, als hätten sie das Wissen der verschwiegenen Beichtväter, ergibt ein Bild beruhigender Normalität.

Busse und Reue, Hauptvoraussetzungen für den Sünden-Ablass, finden hier nicht in der gewohnten kirchlichen Intimität statt. Das Sakrament am Circus Maximus wird von den wuseligen Organisatoren im T-Shirt mit der Aufschrift «servizio confessioni» (Beichtservice) wie eine Sport- oder Pop-Veranstaltung organisiert. Wie vor einem Stadion muss man sich in langen Schlangen zwischen Gittern aufstellen, die einen in den Reihen «Aufnahme für Beichtende», die Minderheit in der Reihe «Aufnahme für Beichtväter». Letztere füllen ein Formular mit den Daten ihrer priesterlichen Karriere und Angabe ihrer Sprachkenntnisse aus. Computer helfen die Übersicht beim Beicht-Betrieb zu wahren.

Training für das Wochenende

Diese anstrengenden Tage, gefüllt mit Glaubensübungen und -unterweisungen sowie der Auseinandersetzung mit einer vergleichsweise milden Form des römischen Chaos, sind das religiöse und körperliche Training für die Massenveranstaltung am Wochenende. Eine Steigerung ist nicht mehr möglich? Doch. Auf dem Gelände der Universität Tor Vergata draussen vor der Stadt findet von Samstagnachmittag bis Sonntagmorgen die Abschlussveranstaltung des fünfzehnten Weltjugendtages statt. Wer bis Tor Vergata durchkommt, dort über Nacht aushält und nach der Abschlussmesse am Morgen heil wieder zurückkommt, hätte eigentlich einen speziellen Ablass verdient. Vor einem gigantischen hölzernen Podium für Johannes Paul II., Würdenträger und Orchester werden 1,2 Millionen junge Leute erwartet. Es gibt schon Spekulationen, dass sich hier mit Blick auf die nahen Albanerberge gar zwei Millionen Menschen einfinden würden.

In diesen Tagen kommen die ersten Römer aus den Ferien zurück. Mit ihrer üblichen weltlichen Distanz schauen sie sich an, was mit ihrer Stadt passiert ist: eine fast komplette Eroberung durch «das Heer von Wojtyla mit der Waffe des Lächelns», wie die Zeitung «La Stampa» schreibt. Verwundert schauen die Rückkehrer zu, wie schon am frühen Morgen Gruppen von Werweisswoher sanft und singend durch ihre Strasse ziehen.

Ginge es nach der Anzahl der mitgeführten Landesfahnen, müsste man Kuba wenigstens zu den Mittelmächten rechnen. Selten sieht man einen Schweizer Wimpel oder eine Fahne mit dem österreichischen Doppeladler. Es ist offenkundig, dass die südlichen und lateinischen Länder mehr Neigung zum Feiern und zur unbefangeneren Repräsentanz zeigen.

«Was sucht ihr hier? Oder besser: Wen sucht ihr?» fragte der Papst beim langen Eröffnungsspektakel am Dienstagabend. Darauf gebe es nur eine einzige Antwort: Jesus Christus. Diese Antwort ist jedenfalls unvollständig. In Gesprächen mit Jugendlichen unterschiedlicher Nation fallen schnell die Worte «Gemeinschaft» und «Freude» als Ziel für die Rom-Reise. «Wir Jugendlichen», sagte eine Norditalienerin, «erfahren die Kirche nicht als Institution, sondern als grosse Gemeinschaft.» Um diese herzustellen, ist der Papa Wojtyla ein grosser Kommunikator. Er wird, ungeachtet seiner strengen und konservativen Lehre, als ein geliebter Opa angesehen. Er füllt, so der Psychiater Paolo Crepet, «eine grosse Lücke in der Gesellschaft».

Der grosse Kommunikator

«Er hat sich auf unsere Ebene begeben», berichtete der Installateur Andrea Ciardi aus Pisa, der in den Palast des Papstes in Castelgandolfo zum Wohnen und Essen eingeladen wurde, «er sprach zu uns wie ein Grossvater und zugleich wie ein Jugendlicher.» Sagte der Zwanzigjährige über den gebrechlichen Achtzigjährigen.

  

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last Update: 24.02.01