Jubel, Schweiss und
Bombenstimmung in Rom
Impressionen der Aussenschwyzer Jugendgruppe
Am Wochenende vom 19./20. August trafen rund zwei Millionen Jugendliche
aus aller Welt vor den Toren Roms auf dem Universitätsgelände von Tor
Vergata mit dem Papst zusammen, um mit ihm zu beten, zu singen, Gottesdienst zu feiern und seinen Worten zu hören. Unter diesen
unzähligen jungen Leuten befand sich auch eine Gruppe von 34 Teilnehmern
aus der Ausserschwyz: junge Erwachsene, Lehrlinge, Kantons- und Sekundarschüler mit fünf Leitern.
Ein Drittel der Teilnehmer war schon vor drei Jahren am Weltjugendtreffen in Paris gewesen. So war es für mich dieses Jahr
wesentlich einfacher, die jungen Leute für Rom zu begeistern. Gerne
hätte ich mit den Jugendlichen am vollen Programm, also schon vom 15.
August an, teilgenommen, aber leider begann am 16. August das neue
Schuljahr, und so blieb nur das Wochenendprogramm, das "Finale
grande" übrig. Für die jungen Märchler und Höfner dauerte dieses vom
Freitagabend, 18. August bis Montagmittag, 21. August.
Die Aussicht, ein langes Wochenende in der Weltstadt Rom zu verbringen,
lockte wohl ebenso sehr wie die Begegnung mit dem Heiligen Vater und
Jugendlichen aus allen Kontinenten.
Mit dem priesterlichen Reisesegen von Pater Robert Camenzind fuhren wir
im Doppelstöcker-Car vorerst über den San Bernadino. Da in Bellinzona
der Car mit einer zweiten Gruppe aus der Deutschschweiz aufgefüllt
wurde, und diese verspätet war, gab es eine Stunde Ausgang in Bellinzona. Einige besuchten die nahen Burgen, sogar Montebello. Die
anschliessende Nachtfahrt verlief ohne Probleme und schon um sieben Uhr
morgens wurde der Car Richtung Tor Vergata (im Südosten Rom) gelenkt
zum Eingangstor zwei.
Von dort liefen wir zu Fuss etwa sechs Kilometer inmitten unzähliger
anderer Jugendgruppen, die ebenso früh wie wir bereits zum Universitätsgelände unterwegs waren. So waren wir schon um Viertel nach
neun Uhr auf dem uns zugeteilten Feld und konnten den besten Standort
auswählen: kurzer Weg zu den Wasserhähnen und Duschen und ein nicht
allzu weiter Weg zu den Toiletten, die im Vergleich zu Paris in viel
grösserer Anzahl vorhanden waren und besser gewartet wurden. Während
des ganzen Treffens hat nie jemand von uns mehr als eine oder zwei Minuten
anstehen müssen.
Fürs Essen mussten wir eine Fassmannschaft nochmals zu einem
Eingangstor zurückschicken, diesmal zum Tor eins. Wir hatten geglaubt, das Essen
auf dem Gelände zu erhalten, aber da war nichts zu bekommen. Der Picknickkarton war nur vor den Eingangstoren erhältlich. Mit einer
Eisenstange, die von einer nahen Baustelle kurzerhand mitgenommen wurde,
schleppten ein halbes Dutzend unserer stärksten Jungs, begleitet von
unserer Dolmetscherin Carmela und einer Leiterin, die Pakete zu unserem
Standort. Die Stange verwendeten wir anschliessend als Fahnenstange. So
hatte unsere Gruppe vier Schweizerfahnen. Die waren in der grossen
Menge ausserordentlich wichtig.
Der ganze Tag des Samstags blieb der Begegnung mit Jugendlichen aus
aller Herren Länder vorbehalten. Jetzt konnten sich die Jugendlichen in
Fremdsprachen üben. Offizielle Sprachen am Treffen waren Italienisch,
Englisch, Französisch und Spanisch. Und immer wieder ertönte die Hymne
des Weltjugendtages: "Siamo qui sotto la stessa croce, cantando ad una
voce: E l'Emmanuel, l'Emmanuel..."
Es gab auch Jugendliche, die glaubten, wir seien ein Sanitätsposten:
Sie deuteten unser Schweizer Kreuz als Rotes Kreuz. Viele interessierte
Gespräche kamen zu Stande. Gegen Abend gab ich meinerseits mit einer
meiner Leiterinnen noch ein längeres Interview bei Radio Vatikan, das
anderntags in der deutschen Hauptausgabe ausgestrahlt wurde. Das war
für mich als Aussenschwyzerin sehr bewegend.
Bei der nächtlichen Vigilfeier am Vorabend und bei der grössten
Eucharistiefeier in der Geschichte Roms wollte der Papst seine Botschaften den Jugendlichen aus 160 Ländern erklären. Diese
Jugend sei unter seinem Pontifikat herangewachsen, und er unterliess es nicht,
diesen jungen Menschen etwas auf ihrem Weg ins 3. Jahrtausend mitzugeben. Er formulierte Botschaften, die das Herz berührten. Er
betonte den Glauben an Jesus, die Nachfolge Christi durch "Schwimmen
gegen den Strom". Zum Tugendkatalog zählte er das Warten auf die Ehe,
die Treue unter Eheleuten und unter Freunden und das Engagement für
eine solidarische, friedvolle Welt, die für das Leben in all seinen Formen
einsteht, auch für das Ungeborene. Beim Gottesdienst am Sonntag sagte
er an alle gewandt: "Ihr werdet die Botschaft Christi ins neue Jahrtausend
tragen!"
Leider waren zu wenig Videowände aufgebaut worden. Es verlangte
Konzentration, den Papstansprachen zu folgen, aber die drei Italienerinnen unserer Gruppe übersetzten fortwährend die wichtigsten
Inhalte. Die Massen, die Johannes Pauls Worte hörten, jubelten, skandierten und klatschten immer wieder während langen Minuten. Der
Papst blühte förmlich auf, lachte, hielt sich plötzlich aufrecht und
fing am Samstag bei dem farbenfrohen und musikalisch beeindruckenden
Grossereignis sogar an zu singen und schwenkte mit den Jungen die Arme,
während überall die Kerzen in den ausgeteilten Terrakottegefässen
brannten.
Am Samstag wie am Sonntag sprach der Papst den Jugendlichen ins
Gewissen. Ich sah Tränen in den Augen vieler.
Er meinte beim Gottesdienst, wir würden uns in den Worten des Apostels
Petrus wiederfinden, der bekräftigt hat: "Herr, zu wem sollen wir
gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens."(Joh6,68) Und das Wort, das vor
zweitausend Jahren Fleisch wurde, sei heute in der Eucharistie gegenwärtig. Das grosse Jubiläumsjahr sei dadurch wirklich ein
eucharistisches Jahr und wir müssten auch die Logik des Kreuzes und des
Dienstes annehmen, wie Christus es getan habe. Wir sollten nach Rückkehr
in unseren Ländern die Eucharistie zur Mitte unseres persönlichen und
gemeinschaftlichen Lebens machen. Wir sollten den Herrn bitten, dass
unter uns viele Berufungen zum Priestertum und zum Ordensstand heranwachsen, um die Aufgabe der neuen Evangelisierung anzugehen.
Nach Beendigung des Abschlussgottesdienstes hätten sich die Gruppen an
ihre gestaffelte Abmarschzeit halten sollen. Das funktionierte nur zum
Teil. Selbst wir marschierten eine Viertelstunde früher los. Es war
mittlerweile schon unsäglich heiss. Immer wieder besprengten uns Wasserwerfer aus Zisternenwagen. Nach zehn Kilometern gelangten wir zur
Metropolitana-Station Anagina, wo wir während anderthalb Stunden in
einem Stau blockiert waren, der unsere letzten Kräfte forderte und
unsere Gruppe sogar auseinander riss. Bis wir alle teils per Mobiltelefone wieder beisammen waren, war es fast fünf Uhr, aber da
befanden wir uns bereits in unmittelbarer Nähe des Vatikans.
Als kleinen Leckerbissen hatte ich vor der Rückkehr in die Schweiz eine
kleine Stadtbesichtigung eingebaut. In den verbleibenden Stunden bis
Mitternacht sahen wir ausgesprochen viel von der Ewigen Stadt. Anderthalb Stunden hielten wir uns im Bereich des Vatikans auf. Wir
erlebten einen fast leeren Petersplatz, sahen das Eröffnungskreuz des
Weltjugendtages, die Peterskirche, schritten durch die Santa Porta und
führten Gespräche mit Schweizergardisten.
Um 19 Uhr überquerten wir die Tiberbrücke. Die Engelsburg erschien im
Abendlicht. In der Via Paola stellten wir unser Gepäck ins Grotto der
Pizzeria "Il Siciliano"und fuhren sofort in die Innenstadt, wo wir nach
Besichtigung der Piazza Venezia, des Monumentes von Vittorio Emanerle
II und des Capitols einen herrlichen Blick aufs Forum Romanum und aufs
Kolosseum hatten. Gerade rechtzeitig ging die nächtliche Beleuchtung
an.
Zurück in unserem Grotto gab es Pizza oder Spaghetti. Einzelne
leisteten sich auch noch ein Eis in einer nahen Gelateria.
Um 22 Uhr nahmen wir den Bus bis zur Piazza Venezia. Dabei wurden zwei
unserer Gruppe von Taschendieben heimgesucht. Zu Fuss gelangten wir zur
Fontana di Trevi. Zurück in der Via del Corso führte uns der Bus 85 bis
zum Kolosseum, unserem letzten Fotohalt. Um Mitternacht waren wir in
Laurentia, der Endstation der Metro-Linie B, wo der Schweizer Reisecar
wartete, denn dieser hatte nicht in die Innenstadt fahren dürfen.
Zwölf Stunden später kehrten wir mit einem Frühstückshalt in Bellinzona
und einem Zwischenhalt bei der Kirche von Zillis/GR in Lachen zurück.
Das nächste Weltjugendtreffen findet in zwei Jahren in Toronto statt.
Verschiedene Jugendliche interessiert es, ob ich die Reise auch ans
dortige Treffen organisiere. Meine Antwort ist: "Ja, wenn es in unsere
Schulferien fällt".
M.T. Maissen, Altendorf
|